Golfspieler

Golfspieler
Mit mehr Praxis braucht der Golfspieler weniger Schläge; die Reife eines Golfspielers ist von der Spielstärke allerdings unabhängig: Es gibt Wochenend-Golfspieler, die sich Meister nennen könnten und Playing-Pros, die anscheinend gerade erst dem Anfängerstadium entwachsen sind. Mit dem folgenden Modell können Sie Ihren Entwicklungsstand als Golfspieler herausfinden.

Golfspieler und ihre Entwicklungsstadien

1 - sorglose Golfspieler

Ein Golfspieler, der gerade erst angefangen hat, empfindet das Spiel selbst unglaublich aufregend: es fesselt seine volle Aufmerksamkeit. Anfänger kennen weder Leistungsdenken noch brauchen sie Mitspieler, bei denen sie Anerkennung finden. Meist zählen sie nicht einmal ihre Schläge. Da sie keine Erwartungen haben, ärgern sie sich kaum über ihre schlechten Schläge, freuen sich aber besonders über die wenigen guten.

2a - Golfspieler, die vergleichen und leugnen

Mit fortschreitender Übung benötigt der sorglose Golfspieler nicht mehr die volle Aufmerksamkeit für seine Schläge. Jetzt beginnt er, seinen Score mit dem Platzstandard und den Ergebnissen anderer Golfspieler zu vergleichen. Noch unterschätzt er jedoch die Schwierigkeit dieses Spiels und viele seiner Erwartungen werden enttäuscht. Dies will er nicht wahrhaben und so verleugnet er mitunter unausweichliche Tatsachen. Hin und wieder gelingen schließlich Schläge von Weltformat. Bei schlechten Schlägen müsse es sich also um einen Irrtum handeln oder ein unerklärliches Versehen: "So einen schlechten Schlag habe ich ja noch nie gemacht." Nach der Runde reden diese Golfspieler meist im Konjunktiv: "Hätte ich an der Drei keine elf gespielt und nicht fünf mal drei Putts gebraucht, dann …"

2b - wütende Golfspieler

Glaubt der Golfspieler, seine schlechten Leistungen ließen sich nicht mehr leugnen, wird er wütend. Sein Ego wurde inzwischen zu häufig verletzt. Der Wütende denkt, seine Narrenfreiheit als Anfänger sei längst vorbei und er werde jetzt von jedem anderen Golfspieler nur noch an der Qualität seiner Schläge gemessen. Dieser Druck verursacht ständige Wutausbrüche, die meist nur dem Zweck dienen, dem Mit-Golfspieler vorzugaukeln, man spiele normalerweise besser.

2c - Golfspieler mit krankhaftem Ehrgeiz

Nach genügend vielen Enttäuschungen beschließen einige Golfspieler, besser zu werden - koste es, was es wolle. Zuerst versucht der ehrgeizige Golfspieler, sich eine bessere Vorgabe zusammenzukaufen: In seiner Tasche finden sich immer die aktuellen Golfschläger-Modelle aus den exotischsten Materialien. Der Wert seiner Ausrüstung entspricht dem eines Kleinwagens. Letzten Monat hieß sein Driver noch: 8-Grad-Super-Mass-Perimeter-Impact-Big-Bouncer. Diesen Monat muss es unbedingt ein frequency-matched Power-Clout-Widebody-Launcher aus Tarantium sein. Der vom Ehrgeiz Gepackte abonniert außerdem alle Golfzeitschriften und studiert aufmerksam die Seiten mit den neuen Technik-Tipps. Ehrgeizige Golfspieler spielen am liebsten mit besseren Spielern. Ihr größter Wunsch ist es, von diesen Menschen auf Grund ihrer golferischen Leistungen anerkannt zu werden.

2d - depressive Golfspieler

Sobald der ehrgeizige Golfspieler erkennt, dass sich an seiner Spielstärke trotz unglaublichem Zeit- und Geldaufwand kaum etwas ändert, droht die Depressionsphase. Ein Erkennungszeichen ist selbstmitleidiges Gejammer: Laut oder leise behaupten diese Golfspieler, ihre Schwierigkeiten seien eine einzigartige Heimsuchung, die nicht sein dürfte und die speziell ihnen zugefügt wurde, anderen dagegen nicht. Um sich vor Schmerz zu schützen, geben manche depressive Golfspieler einfach innerlich auf. Ihre Aussagen klingen etwa so: "Ach wissen Sie, ich spiele Golf sowieso nur zum Spaß!" oder "Mir geht es hauptsächlich um die frische Luft." Das sind sichere Zeichen für eine ernstzunehmende Depression. Leider wird diese Phase nicht immer durch Akzeptanz überwunden, sondern es setzt einfach wieder die Verleugnung ein und das Durchlaufen der Stadien 2a bis 2d beginnt von neuem.

3 - Golfspieler, die erkennen und akzeptieren

Lassen Ausdauer und charakterliche Reife es zu, kann der Golfspieler das zweite Stadium überwinden. Im dritten Stadium erkennt er seine Schwächen: Er entdeckt seine Profilneurose und merkt, dass er sich ständig mit anderen vergleicht und dass seine Selbstachtung von seinen Resultaten abhängt. Mit der Einsicht in seine Schwächen und dem Akzeptieren der Schwierigkeiten des Golfspiels entfällt irgendwann der Zwang, die eigenen Scores zu beschönigen oder sich hinter Ausreden zu verstecken. Der ohnehin vergebliche Wunsch nach ein paar armseligen Extra-Metern durch einen neuen Wunderschläger wird verschwinden und man braucht nicht mehr alle zwei Wochen neue Schläger zu kaufen. Golfspieler im dritten Stadium haben Angst und Wut noch nicht überwunden und identifizieren sich auch noch oft mit diesen Gefühlen; sie haben jedoch eine größere Bewusstheit, denn sie erkennen schneller ihren inneren Zustand und die dafür verantwortlichen Gedankengänge. Wer die Schwierigkeiten beim Golf erkannt und akzeptiert hat, wird den Spaß an diesem Spiel neu entdecken. Und vielleicht erwacht bei diesen Golfspielern die Neugier und mit ihr die Lust an weiterer Entwicklung.

4 - gelassene Golfspieler

Eine kleine Gruppe philosophisch orientierter Golfspieler strebt nach tieferen Einsichten. Ihnen genügt es nicht, ihre Schwächen nur erkannt zu haben. Durch ständige Arbeit an ihrer Persönlichkeit finden sie Wege, Gelassenheit auf dem Golfplatz auch zu verinnerlichen. Wut und Angst werden noch wahrgenommen, doch Golfspieler im vierten Stadium identifizieren sich nicht mehr mit diesen Gefühlen. Aus diesem Grund werden sie unabhängig von ihren Resultaten und erleben beim Golfspiel anhaltende Zufriedenheit. Golfspieler dieser Phase erkennen das wahre Potenzial des Sports und entdecken den Golfplatz als Übungswiese zur Persönlichkeitsentwicklung, die auch im Alltag ihre Früchte trägt. Sie erkennen, dass man sich auch im täglichen Leben nicht auf äußerliche Ergebnisse versteifen darf.

Stadium 5 - Meisterschaft

In Stadium 3 hat man den Weg des Meisters entdeckt, in Stadium 4 ist man als Golfspieler bereits auf diesem Weg und im fünften Stadium beschreitet man den Weg des Meisters auch im Alltag. Wer hier angelangt, ist frei von Angst und Wut, weil man hier von seinen Resultaten unabhängig ist - auf dem Golfplatz wie im Alltag. Meister geben erwartungslos ihr Bestes und akzeptieren die Resultate mit Gelassenheit. Wer Meisterschaft erreicht hat, sucht nicht mehr danach, was ihm fehlt, sondern genießt, was er hat. Meister einer Kunst beherrschen die Prinzipien aller Künste, weil sie sich selbst beherrschen. Sie haben nicht nur sportliches Talent, sondern mit der Herrschaft über Körper und Geist haben sie auch die Voraussetzungen für ein erfülltes Leben. Experten glänzen in der Arena des Wettbewerbs - Meister glänzen überall. Meister bleiben trotzdem oft unbeachtet; meist sprechen sie nur leise oder schweigen häufig ganz, aber ihr Schweigen ist eine donnernde Stille, die alles laute Ich-Geschnatter ringsumher aufsaugt (Ken Wilber). Sie müssen keine Rolle spielen und anderen nichts mehr beweisen. Egal was sie tun, sie sind im Zustand des Übens mit voller Aufmerksamkeit. Sie strahlen eine Sicherheit aus, die andere dazu bewegt, ihnen zu folgen, obwohl Meister es nicht darauf anlegen. Sie machen aus jedem Moment eine Zeremonie: Sie essen, trinken, gehen, bügeln, putzen mit derselben Konzentration, die sie bei einer großen Meisterschaft aufbringen.

Oliver Heuler — nur das Wesentliche

PS: Neugierig geworden? Dann laden sie sich doch die erste Hälfte meines Buches »Jenseits der Scores« herunter.

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